VUI Design

Barrierefreiheit im Voice-Bereich – ein Interview mit unserer UX-Designerin Sara Oliver

Oana Ciobotea:

Was ist deine Auffassung von Barrierefreiheit in Voice-Projekten und welche Erfahrungen hast du bisher damit gemacht?

Sara Oliver:

„Ich habe schon häufiger gehört, dass wir alle – zumindest zu einem gewissen Grad oder an einem bestimmten Punkt in unserem Leben – unter einer Behinderung leiden, entweder teilweise oder sogar vollständig. Dieser Aussage würde ich zustimmen. Open Voice hat während eines Workshops zum Thema Barrierefreiheit mal ein fantastisches Bild vorgestellt, das diese Idee sehr gut erklärt.

Wir könnten uns theoretisch zu jeder Zeit einen Arm oder ein Bein brechen, vorübergehend unser Augenlicht verlieren oder sogar unsere Stimme bei einem Treffen mit Freunden verlieren. Bedenken wir allein mal, wie viele Menschen auf der Welt eine Brille tragen. Wenn wir über Barrierefreiheit sprechen, bedeutet das immer, über eine bestimmte gesundheitliche Einschränkung hinaus denken zu müssen, vor allem im User Experience Design.

Ich persönlich habe Voice nie als den einzigen Modus zur Verbesserung der Barrierefreiheit gesehen. Ich bin eine starke Verfechterin von Multimodalität.

Aus Nutzersicht macht es die Dinge einfacher, wenn man verschiedene Kontexte und Kanäle berücksichtigt, um eine Interaktion durchzuführen. Nehmen wir zum Beispiel an, ein Rechtshänder bricht sich den rechten Arm und hat somit nun eine vorübergehende Behinderung. In diesem Fall könnte er eine Nachricht auf dem Smartphone nur sehr langsam tippen. Das könnte er aber umgehen, indem er einen Großteil der Funktionen seines Handys per Voice steuert und je nach Bedarf zwischen Voice und Tippen wechselt.“

Oana Ciobotea:

Was wären dabei deiner Meinung nach die wichtigsten Herausforderungen und Chancen?

Sara Oliver:

„Wenn man User Personas entwirft, ist es immer gut, eine möglichst breite Liste zu haben, die auch Personas mit verschiedenen Arten von Behinderungen beinhaltet. Dadurch stellt man sicher, dass man diese große Bevölkerungsgruppe nicht übersieht, die laut WorldBank.org eine Milliarde Menschen oder 15% der Weltbevölkerung umfasst.

Diese anfängliche Recherchephase, die hauptsächlich auf Interviews basiert, kann herausfordernd sein, ist aber extrem wichtig, um den Grundstein für das Projekt zu legen. Wir müssen die Erfahrungen der Menschen verstehen und woher sie kommen. Ich selbst bin zum Beispiel nicht blind und weiß darum auch nicht, welche Bedürfnisse und Probleme eine blinde Person im Alltag hat. Ich könnte versuchen, sie mir vorzustellen, aber es ist wichtig, auch mal über den Tellerrand zu schauen und zu erfahren, wie andere ihren Alltag wahrnehmen.

Als UX-Designer*in, aber auch als Mensch, kann man nicht einfach Annahmen für andere Menschen treffen. Es kann durchaus eine Herausforderung sein, die Bedürfnisse jedes Nutzers und jeder Nutzerin zu berücksichtigen, aber die Welt ist nun mal auch ein vielfältiger Ort.

Das Thema Barrierefreiheit stellt auch eine große Chance da – eine Chance, seine eigene Sicht auf die Welt durch die Augen anderer zu erweitern und zu vertiefen. Wir können natürlich versuchen, unsere Technologie so inklusiv wie möglich zu gestalten, aber es wird immer Dinge geben, die man neu machen und verbessern kann. Wir sollten es uns als Designer*innen nie zu bequem machen. Wir sollten versuchen, immer auch kritisch zu denken und uns so oft wie möglich aus unserer Komfortzone herausbewegen. Wenn wir kritisch denken, finden wir leichter die nächste wichtige Verbesserungsmöglichkeit.“

Oana Ciobotea:

Wie bringst du Barrierefreiheit in unseren aktuellen Voice-Projekten ein?

Sara Oliver:

„Wenn man verschiedene Modi zusammenbringt – visuelles Material, Touch, Sounds oder unterschiedliche Arten, mit der Technologie zu interagieren und Informationen zu erhalten – dann legt man bereits den Grundstein für verschiedene Touchpoints der Barrierefreiheit. Deshalb bin ich auch eine große Befürworterin von Multimodalität.

Wenn man plötzlich seine Stimme verliert, hat man theoretisch kein Problem, da man ja noch seine Hände benutzen kann, um Bildschirme per Touch zu bedienen und mit verschiedenen Geräten zu interagieren. Die meisten Technologien unterstützen heutzutage Touch, aber was, wenn man sich den Arm bricht?

Wenn unsere Geräte Voice unterstützen, kann man in so einem Fall Sprachbefehle verwenden und dadurch seine Ziele schneller erreichen. Voice in ein Projekt zu integrieren ist bereits ein erster Baustein für Inklusion. Außerdem ist unser gesamtes Team immer auf dem neuesten Stand und tauscht ständig Artikel darüber aus, wie man optimal für mehr Barrierefreiheit und Inklusion designt.“

Oana Ciobotea:

Wie überzeugst du Manager*innen davon, Aspekte der Barrierefreiheit zu berücksichtigen?

Sara Oliver:

„Mir ist in letzter Zeit ein konstantes Wachstum positiver Werte in den Bereichen Wirtschaft und Technologie aufgefallen. Dennoch ist es schwer, sich in diese Themen einzufühlen, wenn man keinen konkreten Fall hat, auf den man sich beziehen kann. Menschen, die ihre persönlichen Erfahrungen im Internet teilen, tragen dazu bei, unser Bewusstsein für diese Themen zu schärfen, und es ist wichtig, dass wir offen bleiben und stets bereit sind, zuzuhören.

Es ist sehr wichtig, dass wir weiterhin über Fairness und Gleichberechtigung in unseren Designs sprechen und auch bewusst dafür eintreten und andere Menschen darüber aufklären.

Wir müssen den Menschen immer wieder zeigen, dass virtuelle Assistenten und Multimodalität Barrierefreiheit erleichtern können und wir dürfen unsere Vision und unsere Werte niemals aufgeben.

Außerdem, wenn man für eine Gruppe von Menschen mit extremen Lebensbedingungen oder Behinderungen designt, hilft man damit auch allen anderen. Wenn man für ein breites Spektrum an Szenarien plant, kann man auch eine entsprechend große Bandbreite an Anwendungsfällen abdecken. Letztendlich wird das Unternehmen dadurch also mehr Menschen erreichen.“

Oana Ciobotea:

Gibt es irgendwelche Designprojekte im Bereich Barrierefreiheit, die du besonders beeindruckend findest?

Sara Oliver:

„In den letzten Jahren sind viele tolle Projekte entstanden, die wirklich großartig sind und sich auf inklusives Design konzentrieren. Aber ich bin vor kurzem auf ein Projekt gestoßen, das mir besonders gut gefallen hat.

Die Universität des Baskenlandes (UPV/EHU) besitzt ein Labor namens Aholab, das sich mit Text-zu-Sprache-Konvertierung, Sprach- und Sprechererkennung und Sprachverarbeitung im Allgemeinen beschäftigt. Dort wurde ein Projekt namens #DonaTuVoz (#SpendedeineStimme) ins Leben gerufen. Jede Person kann ihre Stimme aufnehmen, um eine „Synthetische Stimmdatenbank“ zu erstellen, die Menschen mit Sprachbehinderungen oder Menschen, die ihre Stimme verloren haben, hilft. Im Prinzip können dadurch also Menschen, die ihre Stimme verloren haben, einen neuen Weg zu Sprechen finden.

Dieses Projekt wurde für Menschen ins Leben gerufen, bei denen ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) diagnostiziert wurde. Menschen, die an dieser Krankheit leiden, verlieren nach und nach ihre Stimme und die Kontrolle über ihren Körper, so wie der berühmte Physiker Stephen Hawking. Es ist wirklich schön, ein Projekt zu sehen, das nicht viel Aufwand erfordert und trotzdem das Potenzial hat, das Leben von Menschen zu verändern. So kann es letztendlich aussehen, wenn man für mehr Gleichstellung in der Gesellschaft designt.

Oana Ciobotea:

Was ist deine Vision für eine Zukunft mit mehr Barrierefreiheit?

Sara Oliver:

„Ich hoffe und arbeite für eine Zukunft, in der barrierefreies Design keinen zusätzlichen Aufwand mehr bedeutet. Im Rahmen unserer Designs für alle Arten von Behinderungen mitzuplanen sollte ein fester Bestandteil unseres Joballtags sein. Wir müssen es nur zu einer Selbstverständlichkeit machen.“

Interviewt von Oana Ciobotea
Übersetzt von Julia Pflüger

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